13.11.2002: "Mr willen us chätt verzeêhlen" - Landrat stellt gemeinsam mit dem Wiehler Gronenberg-Verlag ein neues Buch mit oberbergischen Mundarten vor

Titel des Oberbergischen Mundartbuches "Mr willen us chätt verzeêhlen" Oberbergischer Kreis. Landrat Hans Leo Kausemann hat am 13. November im Restaurant "Holsteinsmühle" bei Nümbrecht ein neues Buch vorgestellt, das der Oberbergische Kreis gemeinsam mit dem Wiehler Gronenberg Verlag herausgibt.

"Mr willen us chätt verzeêhlen" heisst die volkskundliche Textsammlung, die sich im wesentlichen auf Arbeiten des Nümbrechter Heimatforschers Otto Kaufmann stützt.

Veröffentlicht werden in den verschiedenen oberbergischen Mundarten zahlreiche Erzählungen älterer Oberbergerinnen und Oberberger: Aberglauben und derbe Streiche, Wunderheilungen durch Besprecher und dämonische Erscheinungen in Wäldern und auf Feldern sind die Themen. Den mundartlichen Texten ist eine Übertragung ins Hochdeutsche exakt gegenüber gestellt. Damit ist ein hochinteressantes Lesebuch für jedermann entstanden. Beigefügt ist dem rd. 400 Seiten starken Band eine CD mit Originalaufnahmen von Gesprächen, die Otto Kaufmann in den 50er und 60er Jahren mit oberbergischen Bürgerinnen und Bürgern geführt hat.

Das neue Buch mit den Geschichte hat natürlich auch eine eigene Geschichte:

Aus dem Nachlass des Nümbrechter Heimatforschers Otto Kaufmann hat der Oberbergische Kreis im Jahr 1985 von den Erben einen Teil des Materials erworben, das Kaufmann während seiner unermüdlichen Forschertätigkeit im Oberbergischen Land zusammengetragen hatte. Neben zahlreichen Manuskripten erhielt der Kreis auch 20 Tonbänder in den unterschiedlichen Formaten. Die Hüllen der Bänder wiederum enthielten handschriftliche Notizen Otto Kaufmanns, mit denen die Inhalte der Bänder leider nur stichwortartig wiedergeben wurden.

Aus den Notizen war unterdessen ersichtlich, dass die Bänder einen Teil der ungezählten Gespräche enthielten, die Kaufmann auf seinen Reisen durch die Dörfer in den oberbergischen Städten und Gemeinden mit vorwiegend älteren Bürgerinnen und Bürgern geführt hatte. Aufklärung erhielt der Kreis durch den Wuppertaler Historiker Prof. Dr. Klaus Goebel. Der hatte mit einem Tonbandgerät seinerzeit Otto Kaufmann auf etlichen Reisen begleitet, um dabei Material für seine Arbeit über die "Homburgsche Zuwanderung ins Wuppertal" zu sammeln.

Bei den Versuchen, die Bänder abzuhören, stellte sich bald heraus, dass das Material in den vergangenen 30 Jahren erheblich an Qualität eingebüsst hatte. Um die für die Volkskunde und Volkskultur so wichtigen Aufnahmen der Nachwelt zu erhalten, beschloss der Kreis 1997, die Bandaufnahmen für die Zukunft zu sichern. Dies war schwieriger als erwartet. Geeignete Tonbandgeräte waren kaum noch in Gebrauch. Als endlich ein geeignetes Gerät gefunden war, stellte sich heraus, dass die meisten Aufnahmen kaum zu übertragen waren.

Mit der Prüfung und Sicherung der Aufnahmen beauftragte der Kreis schließlich den Wiehler Thilo Skusa, der in seinem Kölner Tonstudio die Originalaufnahmen zunächst einmal abhörte, dann Stück für Stück in "gereinigter" digitalisierter Fassung abspeicherte und schließlich auf CD übertrug. Insgesamt 55 CD mit einer Abspieldauer von je 60 Minuten waren das Endergebnis der Erhaltungsaktion – 55 Stunden voller Gespräche und alter Lieder. U. a. sind auf den Bändern die bekannten Mundartdichterinnen Berta Schorre aus Marienheide und Auguste Dannenberg aus Gummersbach zu hören. Die meisten Gesprächspartner bleiben freilich anonym, weil Otto Kaufmann dies seinen Erzählerinnen und Erzählern versprochen hatte.

Schon beim Erwerb des Kaufmann-Nachlasses hatte der Kreis geplant, einen Teil der Arbeiten Otto Kaufmanns zusammengefasst zu publizieren. Dies schien schon deshalb notwendig, weil der Heimatforscher zwar ungezählte Aufsätze in zahlreichen Broschüren, Zeitschriften und Büchern veröffentlicht hatte, eine Übersicht des veröffentlichten Materials allerdings fehlte. Otto Kaufmann beherrschte überdies die Technik, das gleiche Material immer wieder in verschiedene Themenkomplexe einzubauen.

Der Kreis nahm sich nun Ende der 90er Jahre vor, einen großen Teil volkskundlichen Arbeiten Otto Kaufmanns geschlossen herauszugeben. Die Tonbandaufnahmen sollten dafür die Basis sein. Da die Gespräche auf Wunsch Otto Kaufmanns aber fast durchweg in Mundart - also dem jeweiligen Platt - geführt worden waren, hielt der verantwortliche Redakteur des Buches - Ulrich Runkel aus Nümbrecht - es für notwendig, den Originaltexten eine exakte hochdeutsche Übersetzung gegenüberzustellen. Damit sollte es allen Lesern – auch den Mundartfremden und Zugereisten - ermöglicht werden, die Texte zu lesen und zu verstehen.

Die schwierige Aufgabe der "Übersetzung" vom Platt ins Hochdeutsche übernahm schließlich Petra Mortsiefer aus Nümbrecht-Winterborn, die nicht nur als Übersetzerin für Englisch und Französisch arbeitet, sondern auch seit Kindertagen perfekt "Platt" sprechen kann.

Bei der Transkription konnte sich Petra Mortsiefer nicht allein auf die Originalaufnahmen stützen, sondern vor allem auf hinterlassene Manuskripte und Veröffentlichungen. Otto Kaufmann hatte für die Niederschrift der verschiedenen oberbergischen Mundarten eine wissenschaftlich fundierte Schreibweise entwickelt, die nun im neuen Buch "Mr willen us chätt verzeêhlen" mit einigen kleinen Änderungen angewendet wird. Entstanden ist damit eine einmalige Sammlung volkskundlicher Erzählungen mit teils dramatischen, teils heiteren Inhalten - ein Buch zu Staunen und Lachen. Beigefügt ist eine CD mit Ausschnitten aus den Originalaufnahmen - ebenfalls hergestellt und aufgearbeitet im Tonstudio Thilo Skusa. Die erläuternden Zwischentexte hat Ulrich Runkel geschrieben und gesprochen.

Ergänzt werden die Erzählungen durch Untersuchungen zur Volkskultur, die Otto Kaufmann parallel zu seinen mundartlichen Forschungsarbeiten betrieben hat. Das Buch enthält deshalb eine grundsätzliche Untersuchung Otto Kaufmanns zu den Mundartgrenzen im alten Oberbergischen Kreis und eine Übersicht der verschiedenen Sprechweisen. Den thematische gegliederten Erzählungen geht jeweils ein einführender Aufsatz von Otto Kaufmann voraus. Geschmückt ist das Buch mit Illustrationen von Henrik Kranenberg.

Landrat Hans Leo Kausemann wies als Herausgeber bei der Buchvorstellung am 13.November in der Holsteinsmühle auf die Schwierigkeiten hin, Bücher dieser Qualität herauszugeben. Er dankte deshalb in besonderer Weise der Kulturstiftung Oberberg der Kreissparkasse Köln, die sich diesem einmaligen Mundartprojekt gegenüber sehr aufgeschlossen gezeigt und eine entsprechende finanzielle Förderung bereitgestellt habe.

Der Dank des Landrats galt in gleicher Weise den Mitarbeitern des Projekts und schließlich auch dem Verleger Ernst Herbert Ullenboom vom Gronenberg Verlag, der das fast 400 Seiten starke Buch einmal mehr als verlässlicher Partner des Oberbergischen Kreises produziert hat.


Das Buch "Mr willen us chätt verzeêhlen" mit der dazugehörigen CD ist ab sofort im Buchhandel erhältlich. Es kostet 29,60 Euro.


Letzte Änderung: 8. März 2007